Es gibt Festivals, die man besucht, und Festivals, die man erlebt. Das Korean Film Festival Frankfurt gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Schon vor Beginn des Interviews spürt man diese besondere Energie, die das Event seit fünfzehn Jahren trägt: jung, neugierig, engagiert und tief in das koreanische Kino verliebt.

Korean Film Festival Frankfurt
Korean Film Festival Frankfurt / Team & Atmosphäre ©projectkffm
F1. Wie würden Sie die Identität und die Hauptausrichtung des Korean Film Festival Frankfurt für internationale Leserinnen und Leser beschreiben?
Charlotte Hafner: „Die Identität unseres Festivals wird stark dadurch geprägt, dass wir komplett ehrenamtlich arbeiten und ein sehr junges Team sind. Das Festival wurde vor 15 Jahren von Studierenden der Korea-Studien an der Goethe-Universität gegründet. Auch wenn heute nicht mehr alle im Studium sind, besteht unser Team immer noch zu etwa 70 % aus Studierenden. Wir organisieren das Festival in unserer Freizeit, und diese junge, engagierte Energie ist ein zentraler Bestandteil unserer Identität. Dazu kommt unsere große Liebe zum koreanischen Kino und zur koreanischen Kultur, die wir nach Frankfurt bringen und damit die kulturelle Vielfalt der Stadt bereichern möchten.“
F2. Welche Kriterien waren für die Filmauswahl dieser Ausgabe besonders wichtig? Gibt es einen thematischen Schwerpunkt?
Charlotte Hafner: „Ja, jedes Jahr haben wir einen thematischen Schwerpunkt. Dieses Jahr ist es zum ersten Mal ein spezifisch koreanisches Konzept: Jeong (정) – eine Beziehung, die sich über Zeit entwickelt, positiv oder negativ. Wir legen den Fokus auf die positive Entwicklung. Da wir unser 15-jähriges Jubiläum feiern, wollten wir unserem Publikum ein kulturelles Konzept näherbringen, das sich nicht leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Gleichzeitig spiegelt Jeong auch unsere eigene Beziehung zu unserem Publikum wider, die über die Jahre gewachsen ist. In der Programmgestaltung legen wir zunehmend Wert auf junge, aufstrebende Regisseur*innen. Zum ersten Mal haben wir ein Kurzfilmprogramm mit Filmen von Menschen, die vielleicht ihren allerersten Film gemacht haben. Außerdem fördern wir gezielt Filme von Frauen – dieses Jahr haben wir fast eine 50/50-Verteilung zwischen Regisseuren und Regisseurinnen.“
F3. Das koreanische Kino gewinnt weltweit immer mehr Aufmerksamkeit. Wie erleben Sie die Resonanz des deutschen und europäischen Publikums?
Charlotte Hafner: „Die Resonanz ist definitiv positiv. Seit Parasite den Oscar gewonnen hat, ist koreanisches Kino weltweit präsent. Aber auch davor waren koreanische Filme auf europäischen Festivals sehr beliebt, besonders Genre-Filme wie Horror, Thriller oder Action. Dieses Jahr sehen wir erneut großes Interesse, etwa an Filmen wie Hope von Na Hong-jin, den wir im Programm haben, oder Possible Love von Lee Chang-dong, der in Venedig und Toronto begeistert hat und bald auf Netflix erscheint. Es gibt Regisseure, die immer wieder eine große Audience anziehen – sowohl im Genre-Bereich als auch im Arthouse.“
F4. Welche Aspekte der koreanischen Kultur möchten Sie durch das Festivalprogramm besonders hervorheben?
Charlotte Hafner: „Wir möchten zeigen, dass koreanisches Kino nicht nur aus bekannten Genres besteht. Es ist extrem vielfältig und entwickelt sich ständig weiter. Die neue Generation koreanischer Filmschaffender bringt spannende Werke hervor – Dramen, romantische Filme, innovative Erzählformen. Wir hoffen, dass wir eines Tages die neue Bong Joon-ho oder den neuen Lee Chang-dong bei uns im Festival präsentieren können. Unser Ziel ist es, diese Vielfalt sichtbar zu machen und neue Talente zu fördern.“
F5. Haben Sie neue Trends im zeitgenössischen koreanischen Kino beobachtet, die sich in der diesjährigen Auswahl widerspiegeln?
Charlotte Hafner: „Ja, Coming-of-Age-Filme sind derzeit sehr beliebt, ebenso romantische Filme – was gut zu unserem überwiegend jungen, weiblichen Publikum passt. Koreanischer Horror bleibt ein starkes Genre, et Genremixe wie im Film Hope sind weiterhin typisch für koreanisches Kino. Das Publikum erwartet Innovation, mutige Kombinationen und überraschende Wendungen, die man im europäischen oder amerikanischen Kino selten findet. Koreanische Regisseur*innen bleiben sehr innovativ, und das spiegelt sich in unserer Auswahl wider.“
F6. Das Festival lädt häufig Regisseurinnen, Schauspieler und Filmteams ein. Welche Bedeutung haben diese Begegnungen für Ihre Mission?
Charlotte Hafner: „Es ist etwas anderes, Filme nur zu sehen, als direkt von Menschen zu hören, die in der Branche arbeiten. Wir laden vor allem neue Regisseurinnen ein, oft aus dem Independent-Bereich, um ihnen eine europäische Bühne zu geben. Für viele ist es der erste Besuch in Deutschland, und Frankfurt bietet durch seine große koreanische Community einen besonderen Kontext. Unser Festival ist das größte koreanische Filmfestival in Deutschland, aber dennoch klein und intim. Dadurch können Zuschauer*innen ganz entspannt mit den Filmschaffenden sprechen – Begegnungen auf Augenhöhe, die sehr wertvoll sind.“
F7. Welche Herausforderungen gab es bei der Organisation des Festivals in diesem Jahr?
Charlotte Hafner: „Wie viele Kulturveranstaltungen kämpfen wir mit begrenzter Finanzierung. Obwohl wir Unterstützung vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt erhalten, sind die Mittel begrenzt. Filmrechte aus Korea sind teuer, Kinomieten steigen, und dieses Jahr sind die Gesamtkosten besonders hoch. Wir müssen jeden Cent dreimal umdrehen und entscheiden, was möglich ist und was nicht. Trotz aller Einschränkungen bin ich sehr zufrieden mit dem, was wir dank unseres engagierten Teams auf die Beine gestellt haben.“
F8. Können Sie schon über das Programm sprechen? Was erwartet die Zuschauer?
Charlotte Hafner: „Sehr viel! Wir zeigen 27 Langfilme und 11 Kurzfilme. Es gibt große koreanische Blockbuster wie The King’s Warden, starke Indie-Filme wie The World of Love, Retrospektiven mit Filmen, die ihr 10-jähriges Jubiläum feiern (Train to Busan, The Wailing, The World of Us), sowie eine Sektion zum Festivalthema Jeong. Unser Eröffnungsfilm dieses Jahr ist Once We Were Us von KIM Do‑young. Wir bieten Horror, Action, Drama, Romance – wirklich für jeden etwas.“
F9. Train to Busan wird ebenfalls gezeigt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Charlotte Hafner: Für unsere Retrospektive wollten wir Filme zeigen, die Jubiläum haben. Viele großartige Filme feiern dieses Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum, darunter Train to Busan. Es ergaben sich schöne Kombinationen:

- Train to Busan plus ein weiterer Film des Regisseurs (Ugly),
- My Daughter Is a Zombie als Zombie-Double-Feature,
- The Wailing als Ergänzung zu Hope.

Wir möchten außerdem mehr Midnight Screenings für Horrorfans anbieten. Die Kombinationen haben sich organisch ergeben und passen wunderbar ins Programm.

Ein unvergessliches Event in Frankfurt

Während das Gespräch mit Charlotte Hafner zu Ende geht, bleibt eines offensichtlich: Das Korean Film Festival Frankfurt ist weit mehr als nur ein jährliches Event. Es ist ein lebendiger Treffpunkt, ein Ort des Austauschs, ein Raum, in dem das koreanische Kino seine volle Vielfalt entfalten kann. Die Leidenschaft des Teams, die kulturelle Tiefe des Programms und die Nähe zum Publikum machen dieses Festival zu einem ganz besonderen Moment des Frankfurter Herbstes.

In wenigen Wochen öffnet das Festival erneut seine Türen: Vom 20. bis 25. Oktober verwandelt sich Frankfurt in ein Zentrum der koreanischen Filmkunst. Blockbuster, Indie-Perlen, Kurzfilme, Retrospektiven und neue Stimmen aus Korea – all das erwartet die Zuschauer in einer ebenso professionellen wie familiären Atmosphäre.

Wer das Event verfolgen möchte, findet das Programm, aktuelle Ankündigungen und exklusive Einblicke direkt auf Instagram unter @/projectkffm/